Kriegsmüde?

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock kam Ende Mai in Aachen mit Blick auf die Ukraine zu dem Urteil: „Wir haben einen Moment der Fatigue erreicht.“ Sie warnte vor einer Kriegsmüdigkeit in den westlichen Staaten. Eine Aussage, die suggeriert, dass diese Staaten im Krieg stehen. Wie sonst kann man „kriegsmüde“ sein oder werden. Gleichzeitig hat die deutsche Regierung zusätzlich zu dem neuerlich erhöhten Militärbudget die Bereitstellung eines „Sondervermögens“ in der Höhe von 100 Milliarden Euro für die weitere Aufrüstung der Bundeswehr beschlossen. „Sondervermögen“ ist die beschönigende Umschreibung von zusätzlichen Staatsschulden.

Ich finde das erschreckend, muss aber eingestehen, dass auch in Österreich ähnliche Tendenzen erkennbar sind. Auch hier war die erste Reaktion auf den fürchterlichen Krieg in der Ukraine eine Erhöhung des Militärbudgets. Ausgeblieben ist bisher auch hierzulande die sonst übliche erste Frage der besorgten Budgetschützer, wer denn das zu bezahlen habe. Oder anders gefragt, wo im Budget zur Kompensation eingespart werden soll. Etwa beim Arbeitslosengeld, oder wieder einmal bei den Spitalsbetten, so sich die Gesundheitsökonomen, nachdem sie für zwei Jahre auf Tauchstation waren, wieder einmal ans Tageslicht wagen?

Dabei gibt es auch andere Herangehensweisen. Für mich besonders beeindruckend sind die Beurteilungen und Empfehlungen eines US-Amerikanischen Präsidenten vor über 60 Jahren. Dwight D. Eisenhower, Oberkommandierender der alliierten Streitkräfte im 2. Weltkrieg in Europa mahnte am 17. Jänner 1961 in seiner Abschiedsrede als Präsident: „Abrüstung in gegenseitiger Ehre und Vertrauen ist ein fortwährendes Gebot. Gemeinsam müssen wir lernen, wie man Differenzen ausräumt, nicht mit Waffen, sondern mit Intellekt und in anständiger Absicht.” Und zum Preis für die Hochrüstung meinte er schon früher aber ebenso klar: „Jede Waffe, die hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das gestartet wird, jede abgefeuerte Rakete, bedeutet im letzten Sinne einen Diebstahl von denen die hungern und nicht satt werden, denen die frieren und nicht bekleidet sind.“

Heute stellt sich die Frage, ob zumindest auch für die Friedensforschung das Budget erhöht wird. Gerade in einem neutralen Österreich wäre das auch ein wichtiger Beitrag. Ich würde das als gelebte Friedenspolitik im 21. Jahrhundert verstehen, wie es uns Bruno Kreisky, Olof Palme und Willy Brandt schon einmal vorgelebt haben.

Persönlich möchte ich noch festhalten, dass ich seit mehr als 80 Jahren kriegsmüde bin und das nicht zu ändern gedenke. Reale Kriegserfahrungen wirken offensichtlich nachhaltiger als angelesenes Wissen. Am 8. Mai 1945 erklärte mir meine Mutter, dass nun der Krieg vorbei sei und es keine Bomben mehr geben werde. Für mich immer noch der schönste Tag in meinem Leben.

[Vorabdruck aus der
WAZ – Wohnpark Alterlaa Zeitung
Ausgabe Juni/Juli 2022]



Kategorien:Österreich, International, Politik, WAZ

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