Zurück zur Normalität?

Die unmittelbar bevorstehende Rückkehr zur Normalität fehlte heuer in nahezu keiner der Erklärung der Regierungsspitze. Garniert sind die Ankündigungen reichlich mit Floskeln, „Game changer“ ist eine der beliebtesten. Wohl unbeabsichtigt, und doch sehr verräterisch, offenbarte man dabei, dass man die Pandemie wohl als ein Game, also ein Spiel betrachtet. Verantwortungslos!

Die Erklärung, welche Normalität als erstrebenswert betrachtet wird bleibt man schuldig. Dabei hat uns die Pandemie gezeigt, dass sie auch mit unserem Lebensstil zu tun hat. Unser vorwiegend auf Konsum und weltweiter Arbeitsteilung – eine vornehme Umschreibung von Auslagerung von Arbeit in Billigstlohnländer – basierendes Wirtschaftssystem ist absolut nicht nachhaltig. Dies, und nun absolut nicht mehr übersehbaren Folgen des Klimawandels, sollte doch genug Anlass sein, endlich mit einer gesamtheitlichen Analyse der „Normalität“, die angestrebt wird, zu beginnen.

Der „Steinzeit“-Sager des Kanzlers ist nach hinten losgegangen. Seine Ausführungen erfordern aber genauere Antworten. Er meinte, es sei der falsche Weg zu glauben, wir könnten das Klima durch Verzicht retten; der einzig richtige Zugang sei, auf Innovation und Technologie zu warten.

Doch neue Technologien und eine Veränderung unseres Lebensstils, Mobilitäts-, Konsum- und Ernährungsverhaltens widersprechen einander nicht. Wir brauchen beides, wobei technologische Lösungen leichter umzusetzen sind. Der Umstieg vom Diesel aufs E-Auto erfordert keine Verhaltensänderung, der Umstieg auf Öffis schon. Bereits reiche Gesellschaften werden künftig nicht nur nachhaltiger produzieren und konsumieren, sondern sich auch mit geplanter Schrumpfung auseinandersetzen müssen. Verzichten können wir nur auf etwas, das uns im Grunde zusteht. Unser ressourcenintensiver Lebensstil steht uns aber nicht zu. Unser ökologischer Fußabdruck ist viel zu groß, als dass er für alle Menschen tragbar wäre. Uns weniger zu nehmen von dem, was uns der Planet dauerhaft gibt, ist auch ein Gerechtigkeitsgebot.

Worauf verzichten wir jetzt? Auf von Abgasen und Autolärm freie Städte, auf leistbares Wohnen für alle, auf hochqualitative Lebensmittel für alle, auch auf mehr Zeit für Muße und soziale Kontakte für alle. Eine nachhaltige Gesellschaft setzt auch neue Prioritäten, fokussiert auf Grundbedürfnisse und eine faire Verteilung. Neue Arbeitszeitmodelle sind aus sozialen und ökologischen Gründen eine kluge Zukunftsstrategie neben adaptierten Steuersystemen, die nachhaltiges Verhalten von Unternehmen wie Bürgern belohnen und dem Auseinanderdriften von Arm und Reich entgegenwirken.

Und nicht vergessen, es geht um unsere Glaubwürdigkeit gegenüber den nächsten Generationen!

Vorabdruck aus der WAZ – Wohnpark Alterlaa Zeitung, Ausgabe September 2021



Kategorien:Österreich, Bildung, Gesundheit, Politik, Umwelt, WAZ, Wirtschaft

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  1. Ja, die angesprochenen Punkte sind richtig und wichtig! Aber, gibt es dazu wirklich einen gesellschaftlichen Konsens? Dazu sehe ich wenig Anhaltspunkte.

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    • Einen gesellschaftlichen Konsens gibt es derzeit höchstwahrscheinlich in Österreich noch nicht. Gerade deshalb ist es notwendig, nicht ruhig zu halten sondern sich regelmäßig zu Wort zu melden. Meine Erfahrung in unserem Wohnbereich ist, dass immer mehr Nachbar*innen sich bestärkt und ermuntert fühlen, sich auch zu rühren – sie fühlen sich nicht mehr so isoliert und allein gelassen. Ich denke, dass wir Privilegierten, die nicht nur eine gute Ausbildung erhielten sondern auch eine profunde Bildung genießen konnten, da auch eine gesellschaftliche Verantwortung haben. Ich denken weiters, dass ich das auch meinen Arbeiter*inneneltern, die sehr viel dafür opferten, schuldig bin.

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