Sissi Kamper: Ich lass mir das nicht mehr gefallen!

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Sissi Kamper, Liesinger SPÖ-Bezirksrätin, ist seit einiger Zeit regelmäßigen Angriffen ausgesetzt, die man vor kurzem noch nicht für möglich gehalten hätte.

Du rassenfremdes Element…“ in einem Atzgersdorfer Kaffeehaus war einer der Höhepunkte. Keiner der Anwesenden reagierte, fand es angebracht, diesem Spuk ein Ende zu bereiten, klar Stellung zu beziehen. Einzig eine ältere Dame fühlte sich unsicher, hatte Angst, stand auf, bemerkte dass sie sich hier nicht mehr wohl fühle und verließ das Lokal.

Das war leider nicht der einzige Vorfall. „Gehens zurück, wo’s hergekommen sind!“ gehört schon zum Standardrepertoire „echter“ Österreicher. Sissi Kamper: „Dabei stelle ich mir die Frage: wohin? Meine Eltern sind Liesinger, meine Großeltern kommen, bis auf eine Ausnahme, auch aus Wien. Die Ausnahme: ein Großvater kam als farbiger GI mit der US-Army 1945 nach Wien. Er war daran beteiligt, dass das 1938 von der Landkarte eliminierte Österreich nach sieben Jahren Nazidiktatur wieder auferstehen konnte. Beteiligt nicht durch Solidaritätskundgebungen oder das Unterschreiben von Petitionen fernab vom Geschehen, auf der sicheren Seite des Atlantiks, sondern physisch, körperlich hier anwesend, selbst aktiv. Und jeder halbwegs Gebildete weiß inzwischen, dass farbige GIs immer an vorderster Front eingesetzt waren, dass sie im Zweiten Weltkrieg bei weitem den größten Blutzoll unter allen amerikanischen Soldaten erbrachten. Wohin soll ich also zurückgehen?

Ganz überraschend kommt diese Entwicklung in letzter Zeit ja nicht. Spätestens seit der Liesinger Bürgerversammlung zur Errichtung einer temporären Flüchtlingsunterkunft in Atzgersdorf am 12. Februar 2016 zeichnete sich ab, in welche Richtung es in Zukunft gehen kann. Von einem Liesinger FPÖ-Abgeordneten und Bundesheerbrigadier i.R. verbreitete Falschmeldungen genügten, um in weiten Kreisen entsprechende Ängste zu schüren, und dementsprechende Reaktionen anzustacheln. Er fiel dabei nicht zum ersten, und leider auch nicht zum letzten Mal auf. Erst am 11. November 2018 berichtete der Standard wieder einmal über sein Auftreten als Festredner am Wiener Zentralfriedhof: „Ranghohe nehmen an der Ehrenbekundung am Grab des NS-Luftwaffenoffiziers Walter Nowotny teil. Mit dabei Wolfgang Jung (Wiener FPÖ-Abgeordneter) als Festredner, Wolfgang Irschik (Wiener FPÖ-Abgeordneter), sowie Walter Seledec (FPÖ-Bezirksrat in Wien-Döbling).“ Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch – Bert Brechts Warnung ist also immer noch gültig!

Man könnte leichter mit dieser Entwicklung umgehen, wenn sie nur auf Atzgersdorf, Liesing oder Wien beschränkt wäre. Ist sie jedoch nicht. Die unzähligen „Einzelfälle“, bekannt geworden in den letzten Monaten, sprechen für sich. Erschreckender sind aber auch die sehr verhaltenen Reaktionen des offiziellen Österreich. Der jüngste Vorfall spricht Bände:

Die Burschenschaft Teutonia hat in einem Facebook-Posting den von den Nationalsozialisten für Österreich gebrauchten Begriff „Ostmark“ verwendet. Wörtlich hieß es in dem mit 2. Februar datierten Beitrag auf der Facebook-Seite der Teutonia: „Heute besuchen einige unserer Volltätigen die Semesterabschlusskneipe unserer schlesischen Kartellbrüder der ‚Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn‘ im schönen Rheinland. Zusammen mit Farben-, Kartell- und Verbandsbrüdern aus der Ostmark, der BRD und Flandern lassen wir ein weiteres erfolgreiches Semester ausklingen.“

Prominentes Mitglied der Teutonia ist FPÖ-Verteidigungssprecher Reinhard Eugen Bösch, der auch Vorsitzender des Landesverteidigungsausschusses des Nationalrats ist.

Auf eine erste Anfrage der APA sagte Bösch, er kenne diesen Beitrag nicht. Zur Verwendung des Begriffs „Ostmark“ sagte er: „Das ist ein historischer Begriff, den ich nicht kommentiere.“ Später sagte er in einer Aussendung, der Begriff sei „heute nicht mehr verwendbar und inakzeptabel“. „Im betreffenden Zusammenhang“ sei der Begriff „vollkommen inakzeptabel, weil er zu Missinterpretationen Anlass geben kann“, so Bösch.

Der Koalitionspartner ist mit der Klarstellung zufrieden. Erlaubt sei schon die Frage, wie die Studenten zu diesen Ansichten kamen. Die „Alten Herrn“ der Studentenverbindung haben nichts dazu beigetragen?

Und auch Reinhard Eugen Bösch ist nicht zum ersten Mal auffällig geworden. Mitten in der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft fordert der FPÖ-Wehrsprecher im September 2018 in einem Interview, mit militärischen Kräften der EU in Nord-Afrika Raum „in Besitz“ zu nehmen. Das würde die Migration stoppen. Wie das vonstattengehen soll? Auch dafür hat sich Bösch etwas überlegt: „Praktisch natürlich mit militärischen Kräften einen Raum in Besitz nehmen.“ Der Vorsitzende des Landesverteidigungsausschusses des Nationalrats der Republik Österreich träumt noch immer von einer militärischen Rückkehr nach Nordafrika und der Koalitionspartner hält ihn nicht für rücktrittsreif!

Was sollen wir jetzt tun? Sissi Kamper: „Man kann sich zurückziehen und stillhalten. Man kann auf die nächsten Wahlen warten, in der Hoffnung, dass dieser Spuk dann zu Ende ist. Unbestritten, Wahlen sind in einer Demokratie das Verfahren zu Änderungen in den gesetzgebenden Körperschaften, und damit auch der Regierung. Das bedeutet aber nicht, dass Mann oder Frau fünf Jahre alles unwidersprochen über sich ergehen lassen muss. Jetzt zu reden, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen, wenn nötig zu protestieren, ist ebenso eine BürgerInnenpflicht. Ich jedenfalls lass mir das nicht mehr gefallen.

Für die WAZ sprach Wilhelm Anděl mit Bezirksrätin Sissi Kamper.



Kategorien:Österreich, Politik, WAZ, Wien

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