Wien 2030 / 2050: Handlungsfeld Wohnbau

Weitgehend unbemerkt von den Medien werden in der Stadt Wien schon seit geraumer Zeit Überlegungen zur Positionierung unserer Stadt in 25 bis 30 Jahren angestellt. Die Herausforderung bei diesen Überlegungen liegt auf der Hand: Ein mittel- bis langfristiger Betrachtungshorizont verlangt nach Perspektiven, die bereits vom Ansatz her über das Tagesgeschäft der Stadtplanung und der Kommunalpolitik hinausgehen – gleichzeitig ist aber die Anschlussfähigkeit an die aktuelle Ausgangssituation zu fordern.

Die Zielformulierungen für Wiens Zukunft finden im Grundsätzlichen wohl rasch einen breiten Konsens: die Sicherung der hohen Wiener Lebensqualität, eine effiziente Verwaltung und eine angemessene soziale Absicherung, die auch künftig dafür sorgt, dass niemand der hier Lebenden unter die Räder kommt. Dazu eine zukunftsorientierte, kostengünstige, transparente und bürgernahe Erfüllung der kommunalen und staatlichen Aufgaben in der Wohnungs-, Bildungs-, Gesundheits- und Sicherheitspolitik verbunden mit abgesicherten Beteiligungsmöglichkeiten der Betroffenen unter Wahrung der Minderheiten- und Kontrollrechte – dieser Zielkatalog hat vermutlich eine überwältigende Zustimmung. Tatsächlich ist festzustellen, dass Wien in diesen Disziplinen teilweise sogar hervorragende und international auch anerkannte Leistungen aufzuweisen hat – für eine erfolgreiche Positionierung Wiens 2030 oder 2050 ist weit mehr als nur das Fundament gelegt.

Herausforderungen im Bereich Wohnbau

Die anerkannt hohen Standards des sozialen Wohnbaus und des Umweltschutzes gilt es in der dynamisch wachsenden Stadtregion abzusichern, die Verfügbarkeit und effiziente Nutzung geeigneter Flächen für die Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung muss im regionalen Maßstab gewährleistet werden.

Die WAZ hat dazu mit GESIBA-Generaldirektor Ing. Ewald Kirschner ein Gespräch geführt.

WAZ:
Dr. Hannes Swoboda, Wiener Stadtrat für Stadtplanung und Stadtentwicklung von 1988 – 1996, stellte seinen Beitrag zu 40 Jahre Wohnpark Alt-Erlaa unter das Motto: Lernen von Alt-Erlaa. Wie kann das konkret erfolgen?

Ing. Kirschner:
Bevor man auf Einzelheiten wie der Schaffung einer Hausbetreuung anstelle herkömmlicher Hausmeister oder zum Beispiel einer seit 40 Jahren gelebten Mietermitbestimmung eingeht, sollte man sich einige grundsätzliche Fragen stellen. Genügt es ausreichend Quadratmeter Wohnfläche für die zukünftigen BewohnerInnen zu schaffen oder bedarf es zur Sicherstellung einer dauerhaften Wohnzufriedenheit mehr? Wo hört die Verantwortung eines Wohnbauträgers auf, bei der Übergabe der Wohnungen an die MieterInnen? Wie eng oder wie weit ist leistbares Wohnen, derzeit in aller Munde, zu verstehen? In welchem Zusammenhang steht eine weitverbreitete Wochenendstadtflucht mit den Wohnverhältnissen der Flüchtenden? Und solche Fragen gibt es unzählige mehr.

Es wird nicht überraschen, dass im gemeinnützigen sozialen Wohnbau andere Schwerpunkte gesetzt werden, oder zumindest gesetzt werden sollten, als im gewinnorientierten privaten Wohnbau. Unser oberstes Ziel kann auch nicht sein, innerhalb von 5 Jahren eine 40-prozentige Wertsteigerung der Objekte zu erzielen, was natürlich auch mit dementsprechend erhöhten Wohnkosten für vornehmlich junge Familien verbunden ist. Unsere Vorstellungen sind am prägnantesten von Harry Glück zusammengefasst worden: „Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl“. Wir bekennen uns auch dazu, dass das Wohnhaus für die Menschen ein Ort des sozialen Aufstiegs und nicht des Abstiegs sein soll.

Stillstand bedeutet Rückschritt, ein Kopieren des Wohnparks Alt-Erlaa und seiner Einrichtungen und Lösungen von 1976 ist zu wenig und kann nicht zielführend sein. Erstens wurde auch der Wohnpark Alt-Erlaa in vier Jahrzehnten weiterentwickelt. Man denke nur daran, dass gemeinsam mit BewohnerInnen, zum Beispiel ein Altstoffzentrum geschaffen wurde. Durch die konsequente und professionelle Mülltrennung ist es gelungen, aus dem Abfall „Sekundärrohstoffe“ zu separieren, die wir heute verkaufen können. Oder nehmen wir all die Modifikationen, um ein behindertengerechteres Wohnen zu ermöglichen. Es sind einzeln gesehen manchmal nur Kleinigkeiten, ein zusätzlicher Handlauf auf den Eingangsstiegen, selbstöffnende Behindertenzugänge, eine flache Stiege anstelle einer der beiden Leitern in den Dach- und Hallenbädern, und doch machen sie in Summe gesehen das Leben einfacher und angenehmer. Zweitens darf man nicht übersehen, dass sich auch die äußeren Bedingungen änderten. Nicht nur in der Bauordnung, sondern auch bei den Kosten. Grundstücke sind heute wesentlich teurer als in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts und die Arbeit hat heute natürlich auch einen anderen Preis.

Von Alt-Erlaa lernen, heißt auch, unter den geänderten Bedingungen Lösungen zu entwickeln, die es ermöglichen Harry Glücks Vorstellungen auch 2017 zu verwirklichen. Er selbst hat bis zu seinem Lebensende dabei mitgewirkt. Es gab nahezu keinen Monat, wo wir nicht mindestens einmal zusammensaßen und daran arbeiteten.

Rüdiger Lainer, Architekt und Professor für Architektur an der Akademie der bildenden Künste Wien, fasste den einzuschlagenden Weg in seinem Beitrag zu 40 Jahre Wohnpark Alt-Erlaa schon im Titel zusammen: Mit Glück weiterdenken. „Was heute immer weniger selbstverständliches Gut im Wohnbau ist, regt in der Betrachtung von Alt-Erlaa zum Nachdenken an. Das Spannungsfeld zwischen Ruhe und Aktivierung im halböffentlichen Raum gilt es nach wie vor auszuloten. Der Mut zur großen Dimension und die Hinterfragung bestehender Typologien – aus wirtschaftlichen und gestalterischen Gründen – ist heute ebenso aktuell wie zur Entstehungszeit des Wohnparks im Süden von Wien.“

Es wird daher nicht überraschen, dass wir heute etliche unserer Projekte gemeinsam mit Rüdiger Lainer und seinem Team verwirklichen.

WAZ:
Es ist unbestritten, dass man die Zielvorstellungen nie aus den Augen verlieren darf. Können wir in einigen konkreten Beispielen demonstrieren, wie man „mit Glück weiterdenken“ praktiziert?

Ing. Kirschner:
Nehmen wir als Beispiel unsere Antworten auf die gestiegenen Grundstückspreise und den Wunsch nach leistbarem Wohnen. Im geförderten sozialen Wohnbau ist die einfache Überwälzung auf kommende MieterInnen unvorstellbar. Ebenso können die Förderungen nicht unbegrenzt aufgestockt werden – es wäre letztlich eine indirekte Förderung der Bodenspekulanten durch den Steuerzahler.

Ein Ansatzpunkt kann daher die nochmalige Überarbeitung der Grundrisse sein, mit dem Ziel „verlorene Flächen“ zu vermeiden. Wie man sich kürzlich im eben übergebenen Harry Glück Haus der AEAG überzeugen konnte, errichten wir heute kleinere Wohnungen ohne dass dabei der Eindruck der Beengtheit aufkommt. Intelligente Grundrisse sind also ein Ansatzpunkt.

Zweitens: „Der Mut zur großen Dimension“ darf uns auch in der Vertikale nicht verlassen. Alt-Erlaa zeigt uns, dass eine Bevölkerungsdichte pro Quadratmeter Grundfläche wie in den Gründerzeitvierteln auch ohne den berühmt-berüchtigten Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnungen mit 8 bis 9 BewohnerInnen und zusätzlichen Bettgehern möglich ist. Man wird nicht überall 27 Stockwerke hoch bauen können, aber ein wenig mehr Mut wäre schon angebracht.

Drittens: „Leistbares Wohnen“ darf nicht zu eng gesehen werden. Die regelmäßige Stadtflucht gibt es nicht zum Nulltarif. Sie ist auch das Ergebnis einer nicht zufriedenstellenden Wohnsituation. Es gilt also hier anzusetzen. Nicht überraschend dazu nochmals Harry Glück: „Die Grundsätze der Reichen sind ganz einfach: Licht, Luft, Sonne, Nähe zu Natur, Nähe zu Wasser, Mobilität und Möglichkeiten zur Kommunikation. (Wojciech Czaja: Harry Glück wird 90. Zauberformel zum Glück. In: derstandard.at, 17. Feb. 2015).“ Daher: Wir bauen, wo immer es irgend möglich ist Bäder, auf dem Dach oder im Innenhof, wie zum Beispiel in einer unserer neuen Anlagen in der Seestadt. Wir schaffen Kommunikationsmöglichkeiten, zum Beispiel durch die Einrichtung von Gemeinschaftsräumen. Im neuen Harry Glück Haus haben wir im Stockwerk unter dem Dachbad Gemeinschaftsräume eingerichtet, die BewohnerInnen auch einmal für größere Familienfeste benützen können. Auch das gehört zu den intelligenten Grundrissen, auch das trägt zur Wohnzufriedenheit bei.

Es gibt noch andere Bereiche, die nicht übersehen werden dürfen. Hier ist vor allem eine funktionierende Infrastruktur vorrangig zu sehen. Der Kindergarten, den wir im Harry Glück Haus mitplanten und der gleichzeitig mit der Besiedlung eröffnet wurde, gehört zum Beispiel dazu. Und dergleichen gibt es mehrere Einrichtungen.

Zusammengefasst:
Wir bauen für Menschen. Nur wenn wir ihr Verhalten und die daraus resultierenden Bedürfnisse kennen und ernst nehmen, kann auch eine langandauernde hohe Wohnzufriedenheit sichergestellt werden.

Wir haben dies erst vor wenigen Tagen nach den ersten Wohnungsübergaben im Harry Glück Haus drastisch bestätigt bekommen. Die Wohnhäuser in der Sagedergasse wurden von mehreren Bauträgern errichtet, wobei nur wir ein Dachschwimmbad vorsahen. Wir boten den anderen Bauträgern bis zum letztmöglichen Zeitpunkt an, sich an den Errichtungskosten zu beteiligen und so ihren zukünftigen BewohnerInnen auch den Zutritt zu ermöglichen. Dies wurde von diesen mit dem Hinweis abgelehnt, ihre Wohnungen verkaufen sich auch ohne Schwimmbad sehr gut. Wenige Tage nach der Besiedlung kamen auch schon die ersten Fragen von Nachbarn, ob sie auch unser Dachbad benützen dürften. Das ist kein Grund zu Schadensfreude, sondern vielmehr zu Traurigkeit.

Von Alt-Erlaa lernen heißt also, für reale Menschen mit realem Verhalten und realen Wünschen Wohnraum zu schaffen. Das gilt so wie in den vergangenen 40 Jahren in Alt-Erlaa sicher auch noch 25 oder 30 Jahren in kommenden Wohnhausanlagen.   

WAZ:
Danke für das Gespräch.

In der kommenden Ausgabe der WAZ werden wir über ein ausführliches Gespräch mit Vorstandsdirektor Dr. Klaus Baringer zu Fragen der Förderung und Finanzierung im sozialen Wohnbau, sowohl aus Sicht eines gemeinnützigen sozialen Wohnbauträgers als auch der MieterInnen, berichten.

Das Interview wurde für die WAZ von Wilhelm Anděl geführt.

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