„Tut’s nicht streiten!“

… ist eine der meist verwendeten Mahnungen junger Mütter, vornehmlich an ihre Söhne. Streit Hansel oder Streithähne sind die üblichen Bezeichnungen, weibliche Pendants sind mir keine geläufig. Klar ist daher von Kindesbeinen an: Streit ist schlecht, das gehört sich nicht, das machen nur die bösen Kinder, brave Kinder streiten nicht. Punkt!

Verstärkt und missbraucht, nun schon seit vielen Jahren, wird diese Einstellung in der politischen Werbung. Jegliche Diskussion, jedes Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Standpunkten wird gleich als Streit verunglimpft. Jede Forderung nach mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft ebenso: „Da will schon wieder einer streiten! Pfui, das geht doch gar nicht!“

Nicht unbeteiligt sind auch etliche Medien. Selbst schaffen sie es kaum, sinnvollen Vorschläge zu präsentieren, sind aber groß im Verurteilen, Verunglimpfen und Aufspringen auf bereits fahrende Züge. „Was uns bewegt. Die Krone macht’s zum Thema“ lautete heuer einer der Werbesprüche. Lautsprecher sein für alles und jedes, egal ob sinnvoll oder schwachsinnig, Hauptsache es steigert die verkaufte Auflage, ist sehr billig. Anständig sein sieht allerdings anders aus.

Die Folgen erleben wir gerade in Österreich. Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) zeigt sich in der ORF-Pressestunden ganz begeistert von der Streitkultur der gegenwärtigen Regierung. Da wird nicht gestritten, jeder bekommt seinen Teil: der Kanzler (ÖVP) darf seine Großspender in Industrie und Immobilienbereich gleich im ersten Jahr fürstlich belohnen – natürlich nicht aus der Parteikasse, sondern in Form von beträchtlichen Steuerreduktionen, der Vizekanzler (FPÖ) darf sich weiterhin ungestört in seinem Kaffeehaus eine Zigarette anzünden und der Herr Innenminister (FPÖ) bekommt seine Pferdln. Und die Herren Burschenschafter, nun in Amt und Würden, dürfen sich ungestraft austoben: Pressefreiheit zum Beispiel, wer braucht das schon?

Jedenfalls wird nicht gestritten und Jungmutter Köstinger ist zufrieden, dass ihre Buben in der Regierung so brav sind. Warum sollte es dafür nicht eine Verlängerung geben?

Aus der Geschichte lernen sieht anders aus. Jeden Schwachsinn, wie zum Beispiel die vorgesehene Schulreform (Motto: Zurück in die 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts), widerspruchslos hinzunehmen, jede Ungerechtigkeit, wie zum Beispiel die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern, ungebremst fortzuschreiben, erfordert doch eine Reaktion. Mein Vater, ein durchaus friedfertiger Arbeiter, meinte im Sommer 1945 anlässlich der Neugründung der SPÖ-Ortsgruppe (Sozialdemokraten und Revolutionäre Sozialisten) im Innviertler Mauerkirchen, dass es eine Lehre aus der Geschichte seit 1934 gebe: „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!“ Daran hat sich seither nichts geändert.

[ Vorabdruck aus der WAZ – Wohnpark Alterlaa Zeitung, Ausgabe November 2018 ]



Kategorien:WAZ

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