Lernen S‘ a bisserl Geschichte, Herr Reporter!

Diese legendäre Empfehlung Bruno Kreiskys aus dem Jahr 1981 kommt mir immer wieder in den Sinn. Viele Ereignisse des Tages werden in den Medien sehr oft als singulär, noch nie da gewesen, bar jeglichen historischen Hintergrunds dargestellt. Unfassbar, aber real.

Was meinte Kreisky mit seiner Empfehlung?

Sicher nicht was sehr lange im Geschichtsunterricht, auch an Mittelschulen, vermittelt wurde. Nach mehr als einem halben Jahrhundert erinnere ich mich noch an den Geschichtsunterricht in der BRS Salzburg. Eine der Prüfungsfrage: „Wann war die Schlacht bei Issos?“ Als Gedächtnisstütze erhielten wir zeitgerecht den Spruch „Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei“. Das genügte um positiv abzuschneiden.

Dieses Verständnis von „höherer Bildung“ hielt sich noch lange. Vor 15 Jahren wurden die SchülerInnen im Goethegymnasium (Wien 14) in der 5. Klasse gefragt, wie es zu erklären sei, dass so viele amerikanische Nobelpreisträger deutsche Namen hätten. Keine/r der StammschülerInnen hatte eine Ahnung! In der 5. Klasse, ein Jahr vor Erreichung des Wahlalters! Einzig eine neu in der Oberstufe eingetreten Absolventin der öffentlichen Junior High-School Carlbergergasse (Schulversuch Sekundarstufe I) hatte eine Erklärung: die Vertreibung bzw. Flucht eines großen Teils der deutschen Intelligenz im 3. Reich. Maria Wurm, eine ausgezeichnete Direktorin und engagierte LehrerInnen hatten für einen modernen Geschichtsunterricht gesorgt. Reicht es Glück gehabt zu haben?

Zusammenhänge zu erkennen, vergleichbare Abläufe zu identifizieren, intelligente Schlüsse daraus zu ziehen, sind Fähigkeiten, die es zu entwickeln gilt. Randerscheinungen von Wesentlichem unterscheiden zu können ist nicht nur bei der Auswahl von Nachrichten nötig. Auswählen ist nötig bei der Unmenge von Meldungen und der begrenzt zur Verfügung stehenden Zeit bzw. dem beschränkten Platz in den Printmedien. Aber „geschicktes“ Auswählen darf nicht zum Manipulieren verkommen.

Ein konkretes aktuelles Beispiel: Eines der großen Themen der neuen Regierung ist die Reform der Sozialversicherung. Besonders die Selbstverwaltung hat es den ReformerInnen angetan. Wenn möglich „Abschaffen“ ist das erklärte Ziel. Man sollte sich erinnern: nur zweimal in der Geschichte wurde die Selbstverwaltung der Sozialversicherungen – sie betrifft Krankenkassen, Pensionsversicherungen und auch die AUVA – abgeschafft: 1934 im austrofaschistischen Ständestaat und 1938 nochmals durch das NS-Regime.

Lernen wir aus der Geschichte?

Vorabdruck aus der WAZ – Wohnpark Alterlaa Zeitung, Ausgabe August/September 2018



Kategorien:Österreich, Politik, WAZ

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