Das Modell Wohnpark Alt-Erlaa als Herausforderung für die Wiener Stadtplanung

Die urbanen Regionen wachsen merkbar schneller als noch vor wenigen Jahren angenommen. 2009 wurde erwartet, dass Wien, ausgehend von 1,706 Mio. Einwohnern im Jahr 2010 wachsen und 2025 ca. 1,801 Mio. Einwohner erreichen wird[1]. Inzwischen haben wir 2015 diese Schwelle bereits überschritten. Kürzlich wurde die Prognose, im Jahr 2035 in Wien 2 Mio. Einwohner zu haben auf 2029 revidiert, Tendenz: es wird wahrscheinlich noch früher so weit sein. Wien gehört zu den am schnellsten wachsenden Metropolen innerhalb der Europäischen Union.

Wien wird älter und jünger zugleich. Die am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen sind jene der über 75-Jährigen. Bis 2044 wird die Zahl der über 75-jährigen Personen um 96 Prozent zulegen. Doch trotz des Ansteigens der Zahl an älteren Bewohnern ist Wien jetzt bereits das jüngste Bundesland. Verantwortlich für die Verjüngung Wiens sind vor allem Zuwanderer – sowohl aus dem In- als auch dem Ausland.

Wien wird also im kommenden Jahrzehnt um die derzeitige Einwohnerzahl von Graz wachsen. Wien wird zusätzliche Wohnungen in einem kaum vorstellbaren Ausmaß benötigen. Und das schnell, von guter Qualität und, nicht zu vergessen, auch leistbar. Dies ist schon deswegen nötig, will man eine Entwicklung wie in vielen anderen Großstädten vermeiden. Eine Entwicklung, wie zum Beispiel in Frankreich, wo sich die in den Nachkriegsjahren in den Bannmeilen (Banlieues) der Großstädte errichteten „Zentren der Moderne“ zu „Orten des sozialen Abstiegs“ entwickelten, muss unbedingt vermieden werden.

Vom Wohnpark lernen

In seinem Beitrag zu „40 Jahre Alterlaa“ fasste der 1988 – 1996 in Wien amtsführende Stadtrat für Stadtplanung und Stadtentwicklung Dr. Hannes Swoboda die Anforderungen zusammen:

In diesem Beitrag ging es mir weniger um pro oder contra Alt-Erlaa oder ähnlichen Bauten. Nein, viel wichtiger ist es aus den Erfahrungen mit dem Wohnpark zu lernen und die eindeutig positiven Erfahrungen auf andere Wohnhausanlagen umzusetzen. Eine Stadt wie Wien, die wächst hat viel aus dem Wohnpark zu lernen. Sozial muss der Wohnbau im doppelten Sinn sein. Er muss vor allem auch den sozial Schwachen zu Gute kommen und die soziale/gesellschaftliche Integration fördern. Ghettobildungen sind zu vermeiden. Das Private, Halböffentliche und das Öffentliche müssen verbunden bleiben.

Neben sozial muss die Stadt der Zukunft auch ökologisch smart sein. Und es muss auch klar sein, dass erfolgreicher Wohnungsbau auch der aktiven Mitgestaltung der BewohnerInnen bedarf – unabhängig davon ob sie schon an der Planung beteiligt waren. Entscheidend ist die aktive und gemeinschaftliche Mitgestaltung im Rahmen des Bewohnens. Gerade hier hat der Wohnpark Alt-Erlaa viel Nachahmenswertes geleistet.[2]

Lernen, nicht kopieren

Ein simples Kopieren des Wohnparks würde unweigerlich zu einem Desaster führen. „Der Erfolg hat viele Väter“ stimmt im Wohnpark Alt-Erlaa nur zum Teil. Er hat auch mindestens genauso viele Mütter. Und die Geschichte des Wohnparks ist auch keine Heldengeschichte, wie sie in der konventionellen Geschichtsschreibung so oft praktiziert wird. Wenn man schon unbedingt kategorisieren will, dann ist die Geschichte des Wohnparks die Geschichte eines geglückten demokratischen Experiments mit vielen herausragenden Akteurinnen und Akteuren und einigen genialen Entwicklern.

Der Anteil des Architekten an der Entwicklung des Werkes ist ausführlich in Reinhard Seiss‘ „Harry Glück Wohnbauten“[3] dargestellt und kann hier, allein schon auf Grund des begrenzt zur Verfügung stehenden Platzes, nicht wiederholt werden. Weniger ausführlich dargestellt ist, dass Harry Glück, und das unterscheidet ihn von vielen anderen Architektinnen und Architekten, sein Werk nicht als abgeschlossen betrachtet, sondern immer noch Anteil an der Entwicklung der Anlage nimmt. Der Wohnpark ist, wie viele andere seiner Wohnbauten, noch immer „sein“ Wohnpark.

Der Anteil der GESIBA

Der Anteil der Wohnbaugesellschaft an der erfolgreichen Implementierung einer echten Mietermitbestimmung ist eine weitere, für den Erfolg entscheidende, Komponente. In „Informieren – Mitreden – Mitbestimmen“[4] habe ich mich bemüht, diese Initiativen zu dokumentieren. Mitbestimmen ohne Informieren funktioniert nicht. Franz Klar, damals Mitarbeiter in der GESIBA, hat die Grundlagen dafür geschaffen. Mit dem Alt-Erlaa Journal, einem Informationsblatt, das die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner schon vor dem Einzug im Wohnpark erhielten, sowie den Entwürfen der Statuten für einen kommenden Mieterbeirat und für den KAE, dem Dachverband der im Wohnpark im Zukunft agierenden Vereinen und Clubs, wurden Vorarbeiten von kaum schätzbarem Wert geleistet.

Ein weiterer Meilenstein wurde im organisatorischen Bereich gelegt. Anstelle von Hauswarten wurde eine Hausbetreuung etabliert. Seit Ludwig Wittgenstein wissen wir über die Zusammenhänge zwischen Sprache und Bewusstsein. Die Bezeichnung „Betreuung“ verrät eine Einstellung und ein daraus resultierendes Konzept: anstelle einer „Amtsperson“ Hauswart wurden Betreuer installiert, die nicht nur für den reibungslosen Betrieb einer technisch aufwendigen Infrastruktur, sondern auch für deren regelmäßige Pflege, Wartung und Instandhaltung verantwortlich sind. Und die, das ist in Schilling, oder heute Euro, gar nicht zu bewerten, für die Bewohnerinnen und Bewohner in Notfällen 24 Stunden an 7 Tagen der Woche ansprechbar sind. Wer Ursachen für die ungebrochen hohe Wohnzufriedenheit im Wohnpark sucht, hier ist eine zu finden.

Der Anteil der „WohnparklerInnen“

Das „Instrument“ Wohnpark Alt-Erlaa mit allen seinen Dach- und Hallenbädern, Parkanlagen, großzügigen Gemeinschaftseinrichtungen und, von außen nicht sichtbar, intelligenten und menschengerechten Wohnungsgrundrissen, wollte auch ge- beziehungsweise bespielt werden. Die Vorbereitungen durch regelmäßige Information und die Organisation einer Mietermitbestimmung trug hier erstmals Früchte. Die Menschen nahmen das Angebot, und die Herausforderung, an.

Wenn schon erwähnt wurde, der Erfolg hätte auch viele Mütter, so lässt sich das am Beispiel des Mieterbeirates vorzüglich demonstrieren. Man braucht sich nur die Liste der Obleute des Mieterbeirats seit Anbeginn anzusehen. Fünf Frauen und vier Männer, und das über vier Jahrzehnte und ganz ohne Quotenregelung!

Jede Obfrau und jeder Obmann, hochqualifiziert in ihren jeweiligen „Brotberufen“ ebenso wie die überwiegende Mehrheit der Mitglieder des Mieterbeirates, trugen und tragen noch immer in enger Zusammenarbeit mit dem Vorstand der AEAG, der Hausverwaltung und der Hausbetreuung zum Erfolg „Wohnpark Alt-Erlaa“ bei.

Wohnparkrealitäten

Ebenso wie nicht jeden Tag die Sonnen scheint, gab und gibt es auch Situationen, in denen nicht alles harmonisch abläuft. Meinungsverschiedenheiten müssen erlaubt sein und sollen auch ausgetragen werden. Ein Ausweichen oder Negieren rächt sich fast immer in der Zukunft. Im Wohnpark hat es jedenfalls in der Vergangenheit auch Auseinandersetzungen gegeben, die zum Teil, mit nicht unbeträchtlicher Härte ausgetragen wurden.

Differenzen gab es des Öfteren zum Thema „Leistbares Wohnen“. Zeitgeistige Lösungsansätze, von denen wir heute wissen, dass sie fatale Folgen gehabt hätten, konnten verhindert werden. Aber irren, auch einmal gemeinsam von Vorstand und Mietervertretung, kann nie ganz ausgeschlossen werden. Und, das muss auch festgehalten werden, kann auch Menschen passieren, die in der Vergangenheit zu einem dauerhaften Erfolg des Wohnparks Alt-Erlaa, wesentliche Beiträge geleistet haben. Es kann daher nicht darum gehen, vernarbte Wunden wieder aufzureißen, sondern, bei allen vergangenen Meinungsverschiedenheiten, die schon vorher erbrachten Leistungen nicht zu übersehen und entsprechend zu würdigen.

Die Lösung der Differenzen erfolgte im Wohnpark in der Vergangenheit auf demokratischem Weg: durch Wahlen. Und auslaufende Direktionsverträge mussten auch nicht unbedingt verlängert werden.

Zu den heutigen Wohnparkrealitäten gehört jedenfalls auch, dass seit vielen Jahren ein Klima gepflegt wird, das ein konstruktives Arbeiten ermöglicht. Dazu beigetragen haben sowohl die RepräsentantInnen des Mieterbeirates wie das Leitungsteam der AEAG auf allen Ebenen!

Verwertbare Erfahrungen

Für die Stadt- und Wohnbauplanung in Wien ist es von beträchtlichem Nutzen, sich vor Ort ausführlich über die im Wohnpark Alt-Erlaa gefundenen Lösungen zu informieren. Der Erfolg besteht eigentlich in der Schaffung und Aufrechterhaltung eines permanenten Prozesses, an dem alle teilhaben können, BewohnerInnen und Bewohner ebenso wie die Hausbetreuung und Hausverwaltung. Praktizierte, lebende Demokratie auf einem überschaubaren Feld, selbst- und nicht fremdbestimmt, macht offensichtlich glücklich. Ein Erlebnis, das viele Menschen viel zu selten erfahren dürfen. Das vollständig zu beschreiben ist nicht leicht, klingt manchmal vielleicht auch zu euphorisch. Daher: Hingehen, oder von uns aus gesehen, herkommen.  Wir teilen dieses Wissen gerne als unseren Beitrag zu einer weiterhin erfolgreichen Gestaltung unserer Stadt.

[1] United Nations Department of Economic and Social Affairs, Population Division (2010) World Urbanization Prospects: The 2009 Revision, United Nations, New York (Table 4, p. 129)

[2] 40 Jahre Alterlaa – Die Geschichte eines Vorzeigeprojekts, AEAG (2015/2016, p. 112ff)

[3] Harry Glück Wohnbauten herausgegeben von Reinhard Seiss (2014, müry salzmann)

[4] 40 Jahre Alterlaa – Die Geschichte eines Vorzeigeprojekts, AEAG (2015/2016, p. 22ff)

[ WAZ Festschrift 40 Jahre Wohnpark Alt-Erlaa / Jänner 2016 ]