Alles Impfmuffel oder Coronaleugner?

Der dürftige Fortschritt bei der gegenwärtigen Corona-Impfaktion ist erschreckend und für viele unverständlich. Die herablassenden Schuldzuweisungen in Richtung „Impfmuffel“ etc. helfen aber nicht weiter. Damit überzeugt man niemanden! Aktionistische Lösungsansätze wie „Impflotterien“ motivieren zwar manche. Mit echter Ursachenforschung hat das allerdings wenig zu tun und gegen eine weit verbreitete allgemeine Unsicherheit hilft es auch nicht.

Völlig übersehen, oder bewusst unbeachtet, wird dabei, dass auch bei anderen Impfungen, wie der jährlich notwendigen Grippeimpfung, die Akzeptanz noch wesentlich geringer ist. 2020 gelang in Wien eine Steigerung von 8% auf fast 25% der Wiener Bevölkerung. Ausschlaggebend war sicher auch, dass die Impfaktion nicht nur ausgezeichnet organisiert, sondern erstmals, ebenso wie später die Coronaimpfungen, gratis angeboten wurde. Heuer wird diese Aktion unverändert wiederholt. Aber 25% sind letztlich auch nicht gerade berauschend viele.

Es wäre hoch an der Zeit, mit einer seriösen Ursachenforschung zu beginnen. Schließlich ist unbestritten, dass die Corona-Pandemie nicht die letzte Pandemie gewesen sein wird. Und dann sollten wir nicht wieder ebenso unvorbereitet hineinstolpern.

Der Schlüssel dazu liegt auch im Überdenken unserer Stellung zur Wissenschaft und im Besonderen den Naturwissenschaften. Der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon beschäftigte sich schon 2005 mit der Frage, warum die Wissenschaft, trotz aller ihrer Erfolge, eigentlich oft als Störfaktor betrachtet wird. Mit Entsetzen erinnert man sich hierzulande an die Einteilung in „richtige“ und andere Wissenschafter durch einen völlig unbedarften Bundeskanzler im Vorjahr. Unfähig zu erkennen, dass komplexe Probleme nur durch professionelles Zusammenwirken von Vertretern verschiedenster Fachrichtungen erfolgreich analysiert und entsprechende Strategien zu deren Lösung entwickelt werden können, erklärte man uns öffentlich, wer die „richtigen“ Wissenschafter seien. Vermittelt wurde dabei auch, „die streiten nur“, was zur weiteren Verunsicherung in einer an und für sich schon komplizierten Situation beitrug.

Es ist also kein Wunder, dass viele Menschen verwirrt reagieren. Sie zu beschimpfen oder auf sie herabzusehen ist vollkommen unangebracht. Beginnen wir mit einer Aufklärung die nicht vom mehr als 50-köpfigen PR- und Journalistenklüngel im Bundeskanzleramt entwickelt wird. Es wäre Zeit für einen echten Neustart! Dass damit auch allseits bekannten Populisten dieser Nährboden für ihre Aktivitäten entzogen wird, ist ein Nebeneffekt, der nicht unterschätzt werden sollte.

[Vorabdruck aus der
WAZ – Wohnpark Alterlaa Zeitung
Ausgabe November 2021]



Kategorien:Österreich, Bildung, Gesundheit, Politik, WAZ

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1 Antwort

  1. Jede Form der Stigmatisierung ist immer abzulehnen. Welche Gruppen nicht erreicht werden sollte laufend einem Monitoring unterzogen werden.

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