12. Februar 2016: Blick in die Hölle

Bis zum 12. Februar 2016 hielt ich Dante Alighieris Hölle für das Schrecklichste, das man sich vorstellen kann. Heute schafften es LiesingerInnen jeglichen Alters und Geschlechts in einer BürgerInnenversammlung zu beweisen, dass Ahnungslosigkeit, Unkenntnis, Einfältigkeit, Dummheit und Unerfahrenheit in Kombination mit Hass für ZuhörerInnen schmerzhafter sein kann als all die im 14. Jahrhundert beschriebenen körperlichen Qualen.

Zum Hintergrund: die Liesinger Bezirksvertretung beschloss am 21. Jänner eine Informationsveranstaltung zur Flüchtlingsunterkunft in der Ziedlergasse. Ein Bürogebäude wurde dem Fond Soziales Wien für ein Jahr kostenlos zur Verfügung gestellt und wird derzeit adaptiert. Bezirksvertreter und die Stadt Wien einigte man sich auf eine maximale Auslegung für 750 Menschen. Peter Hacker, Wiener Flüchtlingskoordinator, informierte die Bezirksräte, dass im März rund 350 Menschen, vor allem Familien, aus einem Quartier, dessen Mietvertrag abläuft, übersiedelt werden.

Es überrascht nicht, dass Menschen in der Umgebung des Hauses sich Gedanken machen und auch besorgt sind. Menschen aus fernen Ländern, deren Sprachen bei uns kaum gesprochen werden und deren Sitten man meist nur aus den Medien kennt, oder eigentlich richtig: glaubt, zu kennen, kommen nicht alle Tage vorbei. Soweit ist das verständlich, und nicht nur das, es ist auch ein verantwortungsbewusstes Herangehen.

Unverantwortlich ist aber, wenn die gleiche Bezirks-FPÖ, die die Informationsveranstaltung anregte, gleichzeitig auch eine Verunsicherungs- und Angstkampagne betreibt. Professionell wird manipuliert, Fragezeichen in den Aussendungen schützten vor dem Staatsanwalt. Ein Beispiel (OTS-Originaltext):

FP-Jung: Doppelte Bettenzahl im Asylquartier Liesing? Werden die Bürger schon wieder hinters Licht geführt? Nach uns zugegangenen Informationen wurden am Wochenbeginn 1.450 Betten in das Asylquartier Ziedlergasse gebracht.“

Es spielte keine Rolle, dass noch kein einziges Bett in die Ziedlergasse geliefert wurde. Beim Verunsichern wurde allerdings noch einmal erfolgreich nachgelegt. Die Saat ist aufgegangen. Selbst Peter Resetarits, erfahrener ORF-Moderator unzähliger Versammlungen, musste eingestehen, dass er so ein undiszipliniertes und chaotisches Verhalten noch nicht erlebt hat.

Ich habe fast eineinhalb Jahrzehnte für und mit Flüchtlingen im Nahen Osten, unter anderem auch in Syrien, in Kriegs- wie in Waffenstillstandszeiten, gearbeitet und hatte ausführlich Gelegenheit, ihre Welt, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Wünsche und Träume kennen zu lernen, nicht in einem All-inclusive-Urlaub am Roten Meer, sondern auch in Flüchtlingslagern mit 50.000 und mehr Einwohnern. Ich habe immer Menschen angetroffen.